Umbra and Penumbra

01.03.2019
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20.12.2019
Forum Stadtpark Graz

Die Schatten individueller Mythologien Die Künstlerin Bernadette Moser führt in ihrer Ausstellung Umbra and Penumbra eine bereits Ende der 1990er-Jahre begonnene Reihe von Experimenten mit zum Teil dafür eigens gesammelten Objekten im künstlerischen Wechselspiel von Licht und Schatten weiter. Der Ausstellungstitel beschreibt einerseits den dunkelsten Teil des Schattens (Umbra), in dem das Licht völlig vom schattenwerfenden Objekt überragt wird und andererseits Penumbra (aus dem lateinischen „paene“, das „beinahe, fast“ bedeutet und eben „Umbra“, dem Schatten), das also für jene Region, in der nur ein Teil der Lichtquelle verdeckt wird, steht. In einem experimentellen raumgreifenden Setting zur Erforschung der Aufführbarkeit des Visuellen, abseits eines einzigen und eindeutig bestimmbaren Bildträgers und über seine historische Medialität hinaus, richtet Moser die Aufmerksamkeit exakt auf jenen Spalt der Wahrnehmung, an dem zwischen Objekt und seiner Repräsentation Bildentstehung passiert. Gerade in diesem Aufzeigen der flirrenden Konturen und traumhaften Schattierungen ihrer inne liegenden illusorischen Struktur verweist sie auch auf die stets trügerische Komplizenschaft zwischen dem an der Wand Betrachteten und dem an der Netzhaut Zusammengefügten. Die generierten Schatten fallen auf Motive, die künstlerische Auseinandersetzung andeuten können, sie markieren einen „geistigen Raum, in dem ein Einzelner jene Zeichen und Signale setzt, die ihm seine Welt bedeuten“ (Dieter Bachmann). So sehr sich diese Licht- und Schatten-Inszenierungen, diese in ihrer Konstruktion durchschaubaren Bildwelten als eigene Realität ausgeben, stellt sich umso vehementer die Frage nach dem der Betrachterin oder des Betrachters aktuellen Verhältnis zu jenen von der Künstlerin nur teilweise erkennbar angeführten Motiven: Eine Coveransicht einer Ausgabe der einstigen deutschsprachigen Satire Zeitschrift Pardon und der darauf enthaltene Leseraufruf zum Sexfilm- Test, ein Porträt der Avantgarde Filmerin Maya Deren, der„rosa Winkel“ zur Identifizierung von aufgrund ihrer Homosexualität im Nationalsozialismus Verschleppter, die erste von John Raphael Rogers und Fred E. Bright entwickelte Setzmaschine namens „Typograph“, die Schlangenhaut einer gehäuteten Schlange, ein Porträt der ersten Filmregisseurin und Pionierin des Films Alice Guy-Blaché, und viele andere künstlerische Rückgriffe und Verweise auf Bildwelten und Informationsströme der Massenmedien des zwanzigsten Jahrhunderts mehr. Auf höchst ephemere Art zeigt Moser, wie das Unbewusste arbeiten kann, was Beziehungen zwischen den Objekten und der Situation ihrer Inszenierung sein könnten und warum es so schwierig zu sein scheint, das wiederzugeben, was man sieht. Wo nehmen diese Bilder ihren Ausgang, was war deren ursprüngliche Absicht, wie kamen sie in dieses visuelle Universum und was ist unser Platz und unsere Aufgabe in diesem? All die angeführten Bilder, oder die zum Teil historischen Fiktionalisierungsmaschinen wie die Setzmaschine verdeutlichen auch, wie sehr die visuelle Kultur ein so prägender Teil der gesellschaftlichen Prozesse werden konnte und diese heute bestimmt. Bernadette Moser interveniert in dieser an empirischen digitalen Bildern satten Gegenwart, hinterfragt Gewohnheiten der Betrachtung und das, was man genau gesehen hat, was man als Foto, Gemälde, Film vor sich hat. Als erwiese sie gerade mit Mitteln des Unwirklichen, des Surrealen, des Illusorischen dem optisch Unbewussten Referenz und träfe damit den Kern der theoretischen Dimensionen der Bilder, so wie sie der US-amerikanische Kunsthistoriker W. J. T. Mitchell in seiner Bildtheorie anführt: „Bilder sind nicht bloß eine spezielle Art von Zeichen, sie sind vielmehr so etwas wie ein Schauspieler auf der Bühne der Geschichte, eine Gestalt oder ein Charakter von legendärem Status in einem historischen Zusammenhang, der den Geschichten entspricht und an ihnen beteiligt ist, die wir uns über den Gang unserer Entwicklung erzählen: einer Entwicklung von Geschöpfen, die ‚nach dem Bilde’ eines Schöpfers geschaffen sind, zu Wesen, die sich selbst und ihre Welt nach ihrem eigenen Bilde schaffen.“ 1 1 W. J. T. Mitchell, Bildtheorie, Suhrkamp, Frankfurt/ Main, 2008, S. 19 Christian Egger

Dokumentation